Mauer

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ich war damals gerade zehn Jahre alt. Ich kam von der Schule, und meine Mutter saß heulend vor dem Fernseher. Ich sah Menschen, die sich umarmten und mit Hämmern eine Mauer zerstörten. Ich begriff, dass etwas Neues passierte. Ich begann mich für die DDR zu interessieren, für das andere System. Von meinen Eltern ließ ich mir die Unterschiede erklären.
Wir nahmen auch Ost-Kontakte auf und besuchten Verwandte in der DDR. Ich sah kaputte Straßen, alte abgerissene Häuser und viel Natur. Wir bekamen großen Hunger und fanden erst nach langer Suche eine Art Restaurant, das Broiler verkaufte; dazu gab es Wasser, wenn man kein Bier wollte. Überall roch es nach Braunkohle und fuhren Trabis und Wartburgs.

Zurück zuhause spielten mein Freund Fridolin und ich DDR und BRD. Er spielte den Wessi und ich den Ossi. Mich faszinierte das Fremde, Sowjetische, die Diktatur. Wir bauten uns mit Holzbaukästen eine Mauer. Wir bauten Ost- und Westberlin. Ich bekam den Ostteil und mein Freund den Westteil. Als Ossi hatte ich einen Spielzeug-Trabi. Auf Papier schrieb ich DDR-Parolen: Ewige Freundschaft mit der Sowjetunion, Sozialismus für die Ewigkeit. Mein Freund Fridolin fuhr einen dicken Spielzeug-BMW und war ein Westberliner Bonze. Ich war ein IM im Osten und bespitzelte die Bevölkerung. Den Mauerfall spielten wir nicht nach; den fanden wir langweilig.

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