Des Schäfers Christians Gedanken zur Zeit des Barocks

Die Abenddämmerung bricht an. Mein Schäferhund Jupp stellt Nase und Ohren in den Wind. Die Zeit der Wölfe beginnt. Ich reflektiere zurück: Seit zehn Wochen wurde mir kein Tier gerissen. Jupp und ich arbeiten gut zusammen. Möge es so bleiben mit Gottes Hilfe! Ich liebe mein Leben. Ich liebe meine Arbeit. Tagsüber diese Ruhe und keine Gefahr auf den Weidegründen meiner Schafe. Einmal, da habe ich die Schafe bis in die Stadt zum Markt gebracht: So viele Menschen, Gestank und Getümmel. Und das Essen zu Wucherpreisen. Da gönn ich mir meine kostenlose Preiselbeersuppe, frisch gezupft und am Lagerfeuer aufgewärmt. Da verschwindet die Angst, dass der Krieg auch zu uns kommt. Es sollen Söldernertruppen von tausend Mann geben. „Die fressen dir die ganze Herde weg, an einem Tag“, sagt Erwin.
Ach, das ist in so weiter Ferne. Das „Hier und Jetzt“ ist mein Leben. Möge auch heute der Wolf nicht kommen. Diese Nächte allein in der Wildniss sind trotz des Feuers so kalt. Bald, in drei Sonntagen kommt ein neuer Hirtenjunge zu mir. Dem werde ich des Nachts die alten Geschichten vom Wiedergänger erzählen; bis er sich in die Hose macht, wie jeder Jüngling. Doch halt, Jupp, hörst Du es auch? Das Wolfsgeheule ist heute viel nähr. Ich werde mir schnell eine Fackel zusammenbinden. Diese Nacht ist wohl Patrouille für mich und Jupp angesagt: stundenlang um die Herde wandern, wachen Auges und ab und zu ein Schlückchen von meinen Brombeerschnaps. Ob die Elfen mir wieder begennen im Tau der Morgendämmerung?

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