Der Idiot Today

Im Oktober 2012 erlebte ich mal einen ganz anderen Herbst als sonst. Es war der abenteuerlichste Oktober, den ich bisher erlebt hatte. Da war ich gerade 19 Jahre alt und studierte im 2. Semester Mediengestaltung. Ich wohnte in einem Studentenwohnheim in Berlin. Das Leben an der Uni war für mich vorher ziemlich eintönig und langweilig. Jeden Abend diese blöde Büffelei. Bald stand schon wieder die nächste Prüfung an. Die einzige Abwechslung war meine kleine Studentenclique. Sie bestand aus drei besten Freundinnen. Karin, Mira und Sandra. Jeden Samstag gingen wir in unsere Stammdisco Bolero, um uns von der Uni und dem Prüfungsstress abzulenken. Aber sonst passierte nicht viel, bis eines Tages der Idiot, gerade neu an unserer Uni auftauchte. Er war in dem gleichen Kursraum wie ich. Obwohl er neu war, stellte er sich noch nicht einmal mit seinem Namen vor. Er marschierte einfach in unseren Kursraum und rief ganz frech: „Hi Leute, was geht so ab bei euch?“ Anscheinend kam die freche Art gut an. Denn einige unserer Mädchen riefen: „Im Augenblick nichts. Aber wenn du Bock hast, können wir heute Abend eine Party für alle Neuankömmlinge machen.“ Doch diese Tour von diesem Typen beeindruckte mich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich fand ihn schon vom ersten Augenblick an total bescheuert. Oh mein Gott! Was ist denn das für ein Vollidiot. Dachte ich so bei mir. Alleine schon sein Outfit fand ich total übertrieben und es passte überhaupt nicht zu diesem Spargeltarzan. Er trug eine Spiegelsonnenbrille und eine schwarze Lederjacke und machte einen auf cool. Man sah gleich, dass er sich für etwas Besseres hielt. Kaum war er gerade mal eine Woche auf unserer Uni, war er schon von den vielen hübschen Studentenfrauen umringt und der Frauenschwarm Nummer Eins. Schon wieder so ein Machoarschloch. Muss das denn wirklich sein? Ausgerechnet auf unserer Uni, dachte ich. Dabei hatte ich noch nicht einmal meinen Liebeskummer wegen Ingo richtig verarbeitet. Und dieser Typ, ich nannte ihn für mich den Barbiemann, sah ausgerechnet dem Ingo so ähnlich, nur sehr viel schlanker, und er war blond. Ich begann diesen Machoidioten zu meiden wie die Pest. In den Seminarpausen sah ich ihn fast jeden Tag mit einer anderen Studentin knutschen. Dieser fiese Mistkerl. Für ihn hatten die Frauen einfach keinen Wert. Sie waren für ihn nur Spielzeug. An einem Mittwoch in der Pause, ich hatte gerade in der Kantine mein Essen geholt, da setzte sich plötzlich dieser Vollidiot mir gegenüber und begann mich voll zu labern: „Hey du alles klar bei dir? Was geht ab? Ich wollte mal fragen, ob du nächsten Samstag schon was vor hast. Ich geh mit ein paar Studenten in die Disco und da könntest du ja mitkommen.“ „Du kannst dich gleich wieder verpissen. Diese Machotour zieht bei mir überhaupt nicht. Bei mir geht nämlich überhaupt nichts ab.“ „Dann eben nicht. Es gibt ja auch noch andere hübsche Mädchen hier, die ich fragen kann.“ Beleidigt zog er wieder ab. Nicht mit mir Barbiemann, dachte ich. Meine Freundin Karin, die auch in der Kantine saß und gerade Mittag aß, meinte zu mir: „Melissa, was ist denn mit dir los? Wieso gibst du ausgerechnet dem beliebtesten Typen unserer Uni so einen fiesen Korb? Ich warte schon seit Monaten darauf, dass er mich endlich anspricht.“ „Oh man Karin, wie blöd und wie blind bist du eigentlich. Er spielt doch nur mit den Girls. Außerdem habe ich die Enttäuschung mit Ingo immer noch nicht verarbeitet.“ Na gut, du musst es ja wissen. Aber so einen tollen Typen würde ich nicht von der Bettkannte stoßen.“ Meinte Karin. Aber für mich war dieser Macho einfach ein Ekelpaket.

Meine Meinung über den Idioten sollte sich aber schon sehr bald ändern.

Eines Tages war ich wieder mit meinen Freundinnen in unserer Lieblingsdisco, im Bolero. Ich war gut drauf und tanzte ausgelassen nach der modischen elektronischen Musik. Als ich mir an der Bar eine Cola holen wollte, wurde ich von einem blöden Typen angelabert. Er war etwa Anfang vierzig, trug eine Glatze und wirkte mit seiner dicken bulligen Figur wie ein Türsteher. Außerdem war er auch noch ziemlich angetrunken. Ich fand ihn einfach widerlich und abstoßend. Er belästigte mich so sehr, dass ich zu meinen Freundinnen flüchtete. Ich wollte sie zum Gehen überreden. Aber Karin reagierte darauf nur genervt und meinte, dass sie gerade so einen tollen Flirt mit einem süßen Typen hat und einfach noch keine Lust hat schon wieder aufzubrechen. Und Mira knutsche gerade in einer Ecke mit ihrem Freund und Sandra tanzte noch ausgelassen auf der Tanzfläche. Auch Sandra wollte unbedingt noch bleiben und die Discoatmosphäre genießen. Was blieb mir also anderes übrig als alleine aufzubrechen. Ich wollte unbedingt weg von diesem ekligen Säufertyp, der mich belästigt hatte. Ich war sauer auf meine Freundinnen. Warum ließen sie mich jetzt so in Stich? Wütend holte ich meine Jacke aus der Garderobe und verließ die Disco. Dann geh ich eben alleine zum Bahnhof, dachte ich trotzig. Zum Glück war es bis zum S-Bahnhof nicht so weit. Man ging circa 10 Minuten zu Fuß. Als ich den Weg zum Bahnhof ging, merkte ich jedoch nicht, dass ich verfolgt wurde. Plötzlich packte mich Jemand von hinten und hielt mir den Mund zu. Ich wehrte mich aus Leibeskräften. „Wehren ist zwecklos du geile Sau. Gleich bist du fällig. Jetzt kannst du nicht mehr weglaufen.“ Als ich erkannte, wer dieser Mann war, hatte ich wahnsinnige Angst. Es war der glatzköpfige Typ aus der Disco, der mich an der Bar belästigt hatte. Ich war in einer verzweifelten Lage. Panisch versuchte ich ihn zu treten und um mich zu schlagen. Aber er war viel zu kräftig für mich und hielt mir auch noch den Mund zu. Da hörte ich, wie ein anderer Mann rief: „Lass sofort das Mädchen los du Mistkerl. Der andere Mann schlug meinen Peiniger ins Gesicht und augenblicklich lockerte sich sein Griff. Der Glatzkopf war so geschockt, dass er nach hinten taumelte. Dann wollte der Glatzkopf meinen Retter niederschlagen, doch mein Retter war schneller. Er trat dem Glatzkopf voll in die Geschlechtsteile. Mein Peiniger jaulte auf vor Schmerz und sank in die Knie. Dann wandte sich mein Retter an mich. „Alles okay ? Hat er dir etwas getan?“ „Es geht schon wieder.“ Dann nahm er meine Hand und meinte zu mir : „Lass uns hier schnell verschwinden.“ Mein Retter nahm sein Fahrrad und bat mich hinten auf dem Gepäckträger zu steigen. Gemeinsam fuhren wir dann die paar Meter mit dem Rad zum Bahnhof. Als wir am Bahnhof waren konnte ich endlich meinen Retter richtig sehen. Hier war doch alles gut beleuchtet. Es war ausgerechnet der Idiot, den ich so hasste. „Du, warst das, ähm ich meine Dann hast du mich also gerettet. Aber warum hast du das getan? Ich war doch so abweisend zu dir. Trotzdem danke. Du kamst gerade im richtigen Moment. Ohne dich hätte er mich vielleicht vergewaltigt.“ „Nichts zu danken Jeanette. Ich konnte dich doch nicht einfach in Stich lassen. Außerdem habe ich mich vom ersten Moment an in dich verknallt. Ich wusste nicht wie ich es dir zeigen sollte. Deswegen hatte ich auf der Uni den coolen Macho gespielt.“ Am Bahnhof sagte er noch, dass er mich gern auf einen Kaffee bei Mc Donalds einladen möchte. Ich nahm das Angebot gerne an. Denn so konnte ich meinen Retter viel besser kennenlernen. Auf diese Weise erfuhr ich endlich mal wie er heißt, nämlich Marco, und dass dieser Marco in Wirklichkeit ziemlich schüchtern war und seine Unsicherheit hinter einer coolen Maske versteckt hatte. Als ich Marco ganz anders kennengelernt hatte, verstanden wir uns immer besser und schließlich verliebte ich mich auch noch in meinen Retter. Seit einem Jahr sind wir jetzt schon ein Paar.

(Melanie Lux)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Aufgewärmt, Sterneköche

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.